Wohin gute Spieler schauen: Was vor dem entscheidenden Pass passiert
Was Spieler vor der Ballannahme sehen: Forschung zu Scanning im Fußball, verständlich eingeordnet – mit drei Übungen für Spieler und Trainer auf dem Platz.
Der Ball ist noch unterwegs. Ein Mittelfeldspieler schaut kurz über die Schulter, verändert seine Stellung und lässt den Pass mit dem ersten Kontakt in den freien Raum laufen. Von der Seitenlinie sieht das selbstverständlich aus. Für eine Trainingsbesprechung ist genau dieser Moment interessant: Welche Information hatte er, bevor der Ball ankam?
Vororientierung im Fußball lässt sich an solchen Szenen konkret besprechen. Wer nur den letzten Pass bewertet, übersieht leicht die Vorbereitung. Der Schulterblick, die Bewegung eines Gegners und die Position eines Mitspielers gehören mit ins Bild. Eine neue Untersuchung zum Blickverhalten gibt dafür einen aktuellen Anlass. Für den Trainingsplatz braucht es anschließend Aufgaben, bei denen Wahrnehmen und Handeln zusammenkommen.
Was die neue Studie zeigt
Zhao und Kollegen verglichen 32 männliche Fußballer in Videoaufgaben mit Drei-gegen-zwei- und Drei-gegen-drei-Situationen. Die erfahrenere Gruppe reagierte schneller und erhielt bessere Entscheidungsbewertungen. Veröffentlicht wurde die Untersuchung am 17. September 2026. [1]
Für die Praxis ist das ein Anlass, genauer hinzusehen. Daraus folgt weder eine ideale Blickfolge für jeden Angriff noch eine feste Zahl an Schulterblicken. Auch über die Wirksamkeit von WoosahX sagt diese Untersuchung nichts aus.
Vororientierung heißt: Informationen vor der Ballannahme sammeln
Beim Scanning wendet ein Spieler den Kopf zeitweise vom Ball ab. Jordet und Kollegen beobachteten 27 Premier-League-Spieler: Häufigeres Scanning hing mit einer höheren Passerfolgswahrscheinlichkeit zusammen. Position und Gegnerdruck beeinflussten das Verhalten. [2]
Ein Beispiel: Du wirst im zentralen Mittelfeld angespielt. Hinter dir kommt ein Gegner näher, rechts bietet sich ein Mitspieler an. Ein Blick vor dem Zuspiel kann dir zeigen, ob du aufdrehen solltest oder besser direkt ablegst. Während der Ball unterwegs ist, können sich diese Möglichkeiten wieder verändern. Die erste Idee muss also zur Situation bei der Ballannahme passen.
Dabei lohnt es sich, eine konkrete Frage mitzunehmen: Woher kommt der Druck? Welche Anspielstation ist erreichbar? Welcher Raum bleibt für meinen ersten Kontakt? Du musst diese Fragen im Spiel nicht wie eine Liste aufsagen. Sie geben dir und deinem Trainer eine Sprache, um einzelne Aktionen später verständlich zu besprechen.
Eine einfache Szene, zwei verschiedene Entscheidungen
Stell dir einen Pass vom Innenverteidiger vor. Du stehst mit dem Rücken zum gegnerischen Tor. Der nächste Gegenspieler hält zunächst Abstand. Ein Mitspieler startet seitlich in einen freien Bereich. Du erkennst seinen Lauf und bereitest einen Pass dorthin vor.
Kurz darauf verändert sich die Szene: Der Gegner schiebt in diesen Passweg. Jetzt könnte eine Ablage zurück zum Innenverteidiger sinnvoller sein. In der Nachbesprechung wäre deshalb die Frage nach der zuletzt verfügbaren Information hilfreicher als die Forderung, grundsätzlich nach vorne zu spielen.
Auch ein technisch sauberer Pass kann eine unpassende Entscheidung sein. Umgekehrt kann eine gut begründete Idee an der Ausführung scheitern. Trenne bei der Videoanalyse beides: Was hast du gesehen? Was wolltest du machen? Was ist beim Kontakt passiert? So entsteht eine Aufgabe, an der sich im Training arbeiten lässt.
Drei Übungen für die nächste Trainingswoche
Die folgenden Übungen sind redaktionelle Vorschläge, kein wissenschaftlich getestetes Trainingsprogramm. Passe Abstände, Tempo und Gegnerdruck gemeinsam mit deinem Trainer an. Der Bezug zur Spielsituation ist bewusst gewählt: Im FIFA Training Centre empfiehlt Karl Marius Aksum, Wahrnehmungstraining an spielnahen und positionsbezogenen Situationen auszurichten. [3]
1. Eine Szene anhalten, bevor du die Lösung kennst
Nimm einen kurzen Ausschnitt aus einer eigenen Spiel- oder Trainingsaufnahme. Stoppe ihn vor der Ballannahme. Beschreibe, wo der nächste Gegner steht und welche Mitspieler tatsächlich anspielbar sind. Entscheide dich für eine Aktion und begründe sie mit einer sichtbaren Information.
Erst dann läuft das Video weiter. Vergleiche deine Idee mit der Aktion im Bild. Eine andere Lösung ist nicht automatisch falsch. Besprich, welchen Passweg die Kameraperspektive erkennen lässt und was der Spieler möglicherweise nicht sehen konnte. Drei sorgfältig besprochene Szenen sind für diesen Versuch ein überschaubarer Anfang.
2. Zwei Ausgänge, eine Entscheidung
Markiert zwei kleine Dribbeltore hinter dem Empfänger. Ein Zuspieler steht vor ihm, ein Verteidiger seitlich hinter ihm. Vor dem Zuspiel verschiebt sich der Verteidiger zu einem der Tore. Der Empfänger orientiert sich, nimmt den Ball an und versucht, durch das erreichbare Tor zu dribbeln. Ist kein Weg offen, darf er zum Zuspieler zurückpassen.
Beginnt mit wenig Tempo und klaren Abständen. Der Verteidiger zeigt zunächst nur eine Richtung an; später darf er aktiv verteidigen. Wechselt die Rollen. Fragt nach ausgewählten Wiederholungen, welche Bewegung der Empfänger erkannt hat. Passt die Aufgabe an, wenn sie nur noch hektische Kontakte erzeugt.
3. Im kleinen Spiel eine Information benennen
Spielt Drei gegen Drei auf zwei kleine Tore und lasst zunächst normale Entscheidungen zu. Nach einem kurzen Durchgang wählt jeder Spieler eine eigene Ballannahme aus. Er beschreibt, welche Information ihm geholfen oder gefehlt hat. Beispielsweise: Der Gegner kam von links, deshalb habe ich rechts mitgenommen.
Im nächsten Durchgang nimmt sich jeder eine passende Beobachtungsaufgabe vor. Für einen Spieler kann das der Gegner im Rücken sein, für einen anderen die seitliche Anspielstation. Vergebt keine Zusatzpunkte für bloßes Kopfdrehen. Besprecht, ob die gewonnene Information zur anschließenden Aktion passte.
Unter Druck bei einer klaren Aufgabe bleiben
Für dein nächstes Training kannst du einen kurzen Hinweis ausprobieren: Vor dem Zuspiel den Druck erkennen. Das ist eine konkrete Aufgabe. Ob sie für dich funktioniert, lässt sich an einigen Aktionen besprechen. Wenn der Hinweis dich beim Spielen beschäftigt oder ablenkt, vereinfacht ihr ihn gemeinsam.
Nach einem Fehler gehört die Aufmerksamkeit zunächst wieder zur laufenden Situation: Musst du einen Passweg schließen, einen Gegner übernehmen oder dich erneut anbieten? Die Analyse kann warten, bis Platz dafür ist. Mehr zum Umgang mit Fehlern findest du im Beitrag über Pau Cubarsí.
Für Trainer und Eltern bietet sich nach dem Training eine offene Frage an: Welche Situation hast du heute früher erkannt? Lass den Spieler selbst beschreiben, was passiert ist. Aus seiner Antwort kann die nächste Übungsaufgabe entstehen. Ein zusätzlicher Zuruf während jeder Ballannahme ist dafür nicht nötig.
Dein kleiner Beobachtungsauftrag
Wähle für die nächste Woche eine wiederkehrende Situation, etwa die Ballannahme im Mittelfeld. Halte nach zwei Trainingseinheiten jeweils eine gelungene und eine schwierige Aktion fest. Notiere, was du vor dem Kontakt gesehen hast, wie du entschieden hast und was du erneut ausprobieren möchtest. Das ist ein persönliches Trainingsprotokoll, kein Leistungstest.
Erklärungen zu Begriffen der mentalen Vorbereitung findest du im WoosahX-Glossar. Wenn du dich mit unserem Ansatz beschäftigen möchtest, lies die wissenschaftliche Einordnung von WoosahX. Für den nächsten Platztermin reicht zunächst eine konkrete Frage: Welche Information will ich vor meiner nächsten Ballannahme erkennen?