Aaron Pico: Unter Druck die richtige Aktion wählen
Wann handeln, wann die Situation weiter lesen? Über taktische Geduld im Kampfsport und eine konkrete Aufgabe für die nächste Trainingseinheit.
In einem UFC-Interview vom 23. Oktober 2026 beschreibt Aaron Pico einen Trainingsfokus: im Sparring ruhiger bleiben, Situationen besser verstehen und Aktionen gezielt vorbereiten. Der MMA-Kämpfer spricht dabei über seinen eigenen Lernprozess. [1]
Für Sportler und Trainer steckt darin eine konkrete Frage: Woran lässt sich erkennen, ob eine Aktion zur Situation passt? Wer diese Frage im Training bearbeiten möchte, braucht eine Aufgabe, die sich beobachten und anschließend besprechen lässt. Die pauschale Aufforderung, unter Druck einfach ruhiger zu werden, lässt vieles offen.
Taktische Geduld braucht eine Aufgabe
Stell dir eine technische Partnerübung vor. Dein Gegenüber verändert den Abstand. Du hast dir bereits eine Aktion vorgenommen und führst sie aus, obwohl sich die Ausgangslage inzwischen verschoben hat. Vielleicht gelingt die Bewegung sauber. Trotzdem bleibt die Frage, ob du die Veränderung rechtzeitig bemerkt hast.
In einer solchen Szene kann taktische Geduld bedeuten, die eigene Absicht an die neue Situation anzupassen. Je nach Aufgabe ist ein weiterer Schritt sinnvoll, eine andere Lösung oder ein kurzes Abwarten. Welche Entscheidung passt, beurteilt ihr anhand der sportlichen Situation.
Für die Besprechung lohnt sich ein genauer Blick auf den Moment vor der Aktion. Was war zu erkennen? Welche Möglichkeit war tatsächlich vorhanden? Und welche Idee hattest du bereits im Kopf?
So bekommt Geduld einen sportlichen Inhalt. Du und dein Trainer können eine bestimmte Entscheidung untersuchen, statt den gesamten Durchgang mit einem allgemeinen Urteil zu versehen.
Was die Forschung einordnen kann
Zhang und Kollegen verglichen 2022 in einer Metaanalyse mit 27 Studien erfahrene und weniger erfahrene Kampfsportler. Die erfahrenen Gruppen reagierten insgesamt schneller und genauer. Sportarten und Testaufgaben unterschieden sich. [2]
Die Arbeit prüft kein Mentaltrainingsprogramm. Aussagen über die Wirkung der folgenden Übung oder von WoosahX lassen sich daraus nicht ableiten.
Für die Trainingsbesprechung bietet sich deshalb eine überschaubare Frage an: Welche Information war für diese konkrete Aktion relevant? Die Antwort sollte zur eigenen Sportart, zum Leistungsstand und zur jeweiligen Aufgabe passen.
Eine Trainingssequenz genauer betrachten
Die folgende Aufgabe ist eine redaktionelle Anregung, kein wissenschaftlich geprüftes Trainingsprogramm. Nutze sie gemeinsam mit deinem Trainer innerhalb einer vertrauten technischen Übung. Dafür braucht es weder zusätzlichen Kontakt noch mehr Intensität.
Wählt eine wiederkehrende Situation aus, etwa den Moment, in dem sich der Abstand zwischen zwei Trainingspartnern verändert. Vereinbart vorher, worauf ihr achten möchtet. Haltet die Aufgabe so einfach, dass nach einem kurzen Durchgang klar ist, welche Szene ihr besprechen wollt.
Falls ihr eine eigene Trainingsaufnahme verwenden könnt, schaut euch einen kurzen Ausschnitt an. Stoppt ihn vor der entscheidenden Aktion. Beschreibe zunächst nur, was sichtbar ist. Lass die Aufnahme anschließend weiterlaufen und vergleiche deine Beschreibung mit dem weiteren Verlauf.
Für das Gespräch reichen drei Fragen:
- Welche Veränderung habe ich wahrgenommen?
- Welche Aktion wollte ich ausführen?
- Hat meine Entscheidung zu der erkannten Situation gepasst?
Eine Aufnahme zeigt allerdings nur ihren Bildausschnitt. Wenn ein Detail nicht zu erkennen ist, bleibt es offen. Deine Erinnerung kann das Gespräch ergänzen, sollte aber als Erinnerung erkennbar bleiben.
Auch eine misslungene Ausführung kann auf einer nachvollziehbaren Entscheidung beruhen. Besprecht deshalb die gewählte Lösung und die technische Umsetzung getrennt. Sonst landet jede Szene schnell in derselben Kategorie: gut, wenn sie gelingt, schlecht, wenn sie scheitert.
Ein Hinweis für den nächsten Durchgang
Wählt aus der Besprechung einen konkreten Beobachtungsauftrag. Zum Beispiel: beim Wechsel des Abstands bemerken, ob die ursprünglich geplante Aktion noch zur Aufgabe passt. Die technische Gestaltung übernimmt dein Trainer.
Vereinbart dazu einen kurzen Hinweis, der für dich verständlich ist. Wenn der Hinweis während der Übung zusätzliche Unklarheit erzeugt, formuliert ihr ihn einfacher oder lasst ihn zunächst weg. Die ausführliche Erklärung gehört in die Pause.
Führt die vertraute Aufgabe erneut durch. Anschließend suchst du eine Szene aus, in der du die Veränderung bemerkt hast, und eine, bei der du dir unsicher bist. Du musst daraus keine Erfolgsquote berechnen. Für den Anfang genügt es, den Unterschied zwischen beiden Situationen beschreiben zu können.
Bei jungen Sportlern legt der Trainer Tempo, Regeln und Umfang fest. Es gibt keinen Grund, eine Übung für diesen Beobachtungsauftrag härter zu machen. Das Thema ist die Entscheidung innerhalb einer passenden Trainingssituation.
Wie Trainer das Gespräch führen können
Eine offene Frage lässt dem Sportler Raum, seine eigene Wahrnehmung zu beschreiben. Frage zunächst, was er erkannt und beabsichtigt hat. Danach lässt sich gemeinsam prüfen, welche Informationen sichtbar waren und welche Lösung zur Aufgabe passte.
Wenn die Antwort unklar bleibt, kann eine bestimmte Szene weiterhelfen. Zeige auf den Moment, den du meinst, oder beschreibe ihn möglichst genau. Eine allgemeine Frage wie „Warum warst du heute so hektisch?“ verlangt dagegen eine Erklärung für eine ganze Einheit und enthält bereits ein Urteil.
Auch Lob lässt sich an einer Aktion festmachen: Der Sportler hat eine Veränderung bemerkt und seine Entscheidung angepasst. Das ist ein konkreter Gesprächsanlass. Wie die Bewegung anschließend ausgeführt wurde, könnt ihr gesondert betrachten.
Für Eltern braucht daraus kein zusätzlicher Analyseauftrag zu entstehen. Die sportliche Besprechung kann beim Trainer und beim jungen Athleten bleiben.
Der Gedanke lässt sich auf andere Sportarten übertragen
Als Trainingsfrage ist das Thema auch außerhalb des Kampfsports interessant. Im Fußball könnte es um einen Passweg gehen, der sich kurz vor dem Abspiel schließt. Im Tennis könnte ein Spieler eine bereits geplante Lösung überprüfen, nachdem sich die Position des Gegners verändert hat.
Das sind hypothetische Beispiele, keine Ergebnisse der genannten Metaanalyse. Die konkrete Aufgabe muss jeweils aus der Sportart kommen. Ein Hinweis, der in einer technischen Partnerübung verständlich ist, muss deshalb nicht zu einem laufenden Fußballspiel passen.
Der gemeinsame Gesprächspunkt bleibt die Beziehung zwischen Information und Aktion: Was hast du erkannt, und wie hast du darauf reagiert?
Eine kleine Notiz für die nächste Einheit
Halte nach dem Training eine Szene in wenigen Sätzen fest. Beschreibe die Situation, deine Absicht und die Information, die deine Entscheidung beeinflusst hat. Ergänze, was du beim nächsten Mal genauer beobachten möchtest.
Nimm diese Notiz in die nächste Besprechung mit. Vielleicht zeigt sich, dass dein Beobachtungsauftrag hilfreich war. Vielleicht war er zu weit gefasst oder ließ sich in der gewählten Übung kaum erkennen. Dann verändert ihr die Aufgabe.
So entsteht aus dem Wunsch, unter Druck bewusster zu handeln, ein konkretes Thema für die Zusammenarbeit mit deinem Trainer. Für die nächste Einheit reicht eine Situation, die ihr genauer verstehen möchtet.
WoosahX greift persönliche Ziele und sportlich relevante Situationen in personalisierten Videosessions auf. Mehr zur fachlichen Einordnung dieses Ansatzes findest du auf unserer Seite zu den wissenschaftlichen Grundlagen.
Weiterlesen: Pau Cubarsí über mentale Stärke und den Umgang mit Fehlern.